Sprachgrenzen

Ich verstehe den Drang der Menschen, die Dinge beim Namen zu nennen – zu denen zähle ich mich auch. Etwas unter anderem mit der Bezeichnung, dem Begriff dafür einordnen zu können oder beim darüber sprechen mit anderen eindeutige und klare Wörter verwenden zu können, um sicher zu gehen, dass vom selben gesprochen wird, so dass man sich versteht. Im Grunde genommen ist es eine Art dieselbe Sprache zu sprechen. Denn einfach nur weil alle Deutsch sprechen, heisst es ja noch lange nicht, dass man sich auch wirklich versteht. Da ist zum einen der unterschiedliche Wortschatz, welcher zu Verständigungsproblemen führen kann. Zum anderen wird es natürlich auch schwierig, wenn ich zwar dasselbe Wort wie der andere verwende, dies aber für mich eine andere Bedeutung hat. Trotzdem finde ich es schade, dass wir durch dieses Festmachen von Begrifflichkeiten an verankerte Bedeutungen uns selber und unseren Mitmenschen Grenzen auferlegen. Viele Menschen werden dies nicht nachvollziehen können, weil sie sich selber wohl fühlen in diesen Grenzen, weil ihnen diese gar nicht als Grenzen bewusst sind, da sie sich davon nicht in ihrem Wesen begrenzt fühlen. Für einen anderen Teil der Bevölkerung ist dies aber so. Dies können ganz kleine Dinge sein. Ein Beispiel aus meinem Leben, welches ich selber als klein betrachte, wäre zum Beispiel, dass ich von meiner «Partnerin» als von «meiner Frau» spreche. Meistens kriege ich dann als Reaktion die Frage «Ihr seid aber nicht verheiratet, oder?!» Nein, sind wir nicht. Aber ich mag die Bezeichnung «Freundin» dafür nicht. Freundinnen sind Menschen die mir nahe stehen. Aber der Mensch, mit dem ich eine Liebes-Beziehung führe, mag ich nicht «meine Freundin» nennen und «meine Partnerin» kommt mir sehr steif vor. Ich kann es wahrscheinlich nicht schlüssig erklären, weil es keine wirkliche Erklärung dafür gibt. Ich spüre einfach, dass dieser Begriff «meine Frau» sich für mich richtig anfühlt. Weiter geht es dann natürlich mit Menschen die sich selber als genderqueer definieren. Ich kenne einige davon. Auch da gibt es natürlich viele unterschiedliche Vorlieben und Handhabungen. Eine Person definiert sich zum Beispiel ganz persönlich als genderqueer, möchte aber von der Gesellschaft, wenn dann lieber männlich gegendert werden. Dies ist dann natürlich für die meisten Menschen weniger ein Problem. Es kann sein, dass sie ihn beim ersten kennenlernen falsch gendern und er sie korrigiert, da wir uns aber immer noch in den uns bekannten und gewohnten Boxen befinden ist alles nur halb so schlimm und die Anpassung der Sprache lässt sich relativ einfach vornehmen. Etwas anders verhält es sich mit den Menschen aus dieser Gruppe welche gar kein Pronomen wollen. Dies ist, vor allem in der deutschen Sprache, vor allem sehr ungewohnt. Man kommt sich dabei leicht vor, als würde man die Sprache nicht sauber beherrschen. Natürlich möchte ich aber den Wünschen dieser Personen auch nachkommen. Und auch hier, wie bei vielem anderen auch, liegt es an der Gewohnheit. Wenn man eine Weile so spricht, fällt es einem bald leichter. Der Wechsel in der Sprache bei «gemischten Gruppen», Menschen die Pronomen benutzen und solchen die keine benutzen ist ziemlich herausfordernd und ich hätte mir schon häufig ein akzeptables drittes Pronomen gewünscht. Akzeptabel liegt hier aber auch wieder im Auge des Betrachters, resp. des Empfängers. Ich persönlich fände die Anrede «es» auf keinen Fall akzeptabel, da ich diese mit einer Geringschätzung verbinde. Ich mag zum Beispiel die schweizerische Dialekt-Art, in welcher für weibliche Menschen sächlich Pronomen verwendet werden, überhaupt nicht. Aber ich habe schon Menschen kennengelernt, die wollen, dass dieses Pronomen für sie verwendet wird. Auch diese Art über einen Menschen zu sprechen ist sehr gewöhnungsbedürftig. Ich versuche dabei immer im Hinterkopf zu haben, dass es die Art ist, welche sich der Mensch wünscht.

Und jetzt wird es noch ein bisschen komplizierter. Bis hierher sind wir davon ausgegangen, dass es entweder ein unschuldiges Wort wie Frau in Kombination mit Possessivpronomen ist, welches im Deutschen dafür steht, dass die Person, welche diese Wörter ausspricht, verheiratet ist. Dies aus dem simplen Grund, weil wir im Deutschen keine andere Bezeichnung für die binären Geschlechter haben, wenn sie verheiratet sind. Mädchen und Junge werden zu Frau und Mann und wenn geheiratet wird gehört mensch dem anderen also wird man zu «meine Frau» und «mein Mann». Daran ist meiner Ansicht nach so viel falsch, dass ich gar nicht damit anfangen darf. Zurück zum Punkt. Im Englischen gibt es separate Bezeichnungen für die binären Geschlechter nach der Hochzeit, aus Man and Woman wird Husband and Wife. Im Englischen verwende ich nie den Begriff my wife. Das hört sich dann für mich auch falsch an. Da würde ich aber auch nicht my woman sagen, da greife ich dann doch lieber auf die Wörter my girlfriend or my partner zurück. Das kann ich nicht rational erklären, es ist einfach ein Gefühl, was sich gut anfühlt und was nicht. Ein inneres wiederstreben gegen einige Begriffe und ein positives Gefühl gegenüber anderen.

Und dahin geht auch mein nächster Punkt. Es kann sein, dass sich eine Frau zwar als Frau wahrnimmt, gleichzeitig aber gerne mit männlichen Begriffen angesprochen wird. Natürlich kann dies unter anderem auch mit den Bedeutungen, welche man diesen Worten zuschreibt in Zusammenhang gebracht werden – in einigen Fällen. In anderen ist es einfach, wie ich oben bereits geschrieben habe. Zum Beispiel, und hier wird es wieder Englisch oder Französisch oder einfach Schweizerdeutsch. Ich verwende häufiger den Satz «Zu Befehl Madame» oder «Wie Madame wünscht» oder etwas in dieser Art, um mein Gegenüber etwas zu foppen. Es kann nun aber sein, dass meinem Gegenüber bei der Bezeichnung «Madame» auf sich selber bezogen alle Haare zu Berge stehen. Weshalb sollte ich sie dann nicht einfach als Mister betiteln dürfen? Ohne, dass dies eine weitere Bedeutung hat. Nein, die Frau muss deswegen nicht heimlich trans oder genderqueer sein. Sie verbindet mit den Begriffen einfach etwas anderes. Natürlich kommt dies auch immer sehr auf den Kontext an. Wenn wir nun zusammen unterwegs wären und wir jemanden treffen, den ich kenne und ich sie dann dort als Mister X vorstellen würde, wäre dies für die andere Person natürlich verwirrend. Aber in diesem Fall würde dieses Szenario so gar nicht stattfinden. Ich würde diese Frau immer noch als Frau X vorstellen. Nur in der direkten Anrede von mir verwende ich Mister oder Sir. Es ist ein Spiel, ein Spiel mit Worten und deren Bedeutung. Ja, Madame und Mister/Sir implizieren bei uns ein anderes Bild, rufen eine leicht andere Erwartungshaltung hervor. Aber weshalb sollte dies von den primären Geschlechtsorganen abhängen? Beide Begrifflichkeiten rufen, meiner Ansicht nach, ein Bild von einer strengen Respektsperson hervor. Sie beschreiben einen Charakterzug oder einen momentanen Status. Wie im Beispiel oben mit «meine Frau» erwähnt, kann es einfach sein, dass ein Mensch sich dem einen oder anderen Begriff mehr zugetan fühlt, ohne dass dies mit seiner empfundenen Geschlechtsidentität zusammenhängt oder diese in Frage stellt.

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